Anleger getäuscht? Seltsames Finanzgebaren bei Picam.

25.07.2018 | Ermittlungen beim Berliner Finanzanbieter Picam belasten Ex-Vertriebschef-

Das Handelsblatt berichtet in seiner Ausgabe vom 22.07.2018 über das vermeintliche Schneeballsystem beim Finanzanbieter Picam.

Picam-Ex-Vertriebschef bleibt frei

Obwohl der Ex-Vertriebschef rund 340 Mio. Euro in das Schneeballsystem eingebracht haben soll, muss er nicht in U-Haft, so das Handelsblatt.
So wie einem Düsseldorfer Arzt erging es vielen Anlegern: er hatte vor zwei Jahren knapp 300.000 Euro beim Finanzdienstleister Picam investiert. Auch er hoffte auf die versprochenen satten Renditen.

Razzia bei Picam - Verdacht auf Schneeballsystem 

Im Februar las er dann in der Zeitung von einer Razzia. Und davon, dass die Staatsanwaltschaft Berlin wegen des Verdachts eines Schneeballsystems Ermittlungen aufgenommen habe. Seitdem wartet der Mediziner vergeblich auf neue Nachrichten. „Mein Makler hat den Kontakt zu mir abgebrochen“, sagt er. Auch von der Staatsanwaltschaft habe er trotz Strafanzeige nichts mehr gehört.
Wie dem Facharzt geht es vielen der rund 2500 betroffenen Anlegern. „Wir warten sehnsüchtig auf Akteneinsicht“, so Fachanwalt Dr. Storch. Viele Anleger hatten Picam in der Hoffnung auf Renditen im zweistelligen Bereich ihr Geld überlassen. „Sie haben mit Charts geworben, die zeigten, welche fantastischen Gewinne der Handel mit Dax-Futures einspielt“, so Betroffene. Ein computergesteuertes Handelssystem sollte die wundersame Geldvermehrung möglich machen. Viele hielten diese Geschichte der Traumrenditen für glaubhaft, obwohl es eigentlich früh gute Gründe für Zweifel hätte geben können.


Picam Villa in Berlin

Die Staatsanwaltschaft führt sieben Beschuldigte. Nach Informationen des Handelsblatts gerät der ehemalige Vertriebschef vom Picam, Thomas E. (52), immer stärker ins Visier der Ermittler. Der Manager residierte im Souterrain einer Westberliner Villa, von wo er den Vertrieb organisierte.
Inzwischen gehen Finanzermittler des Landeskriminalamts in Berlin jedoch davon aus, dass Thomas E. hinter zahlreichen Firmen und Strukturen im Picam-Reich steckt, so die Recherchen des Handelsblattes. Ihr Verdacht: Wie ein Marionettenspieler könnte der Vertriebschef diverse Treuhänder und Strohmänner geführt haben.
Die Finanzermittler haben eine Liste für die Akte zusammengestellt, die es in sich hat.

Gelder auf Konten der Berliner Volksbank 

Dort sind für alle Jahre seit 2008 jährlich zweistellige Millionensummen vermerkt. Dabei geht es um Gelder, die Anleger auf ein Konto bei der Berliner Volksbank überwiesen haben.
Auch das Geld des zitierten Mediziners dürfte darin enthalten sein. Die Summe aller Einzahlungen soll 340 Millionen Euro betragen. Das Konto gehörte der schweizerischen Piccor AG, mit der die Anleger ihre Verträge schlossen. Konto und Firma wurden jeweils von zwei unterschiedlichen Treuhändern verwaltet. Hinter beiden soll Vertriebschef E. gestanden haben.
Provisionen und Dienstleistungen für 2,8 Millionen Euro
Die Berliner Volksbank will sich - nach Angabe des Handelsblattes - nicht dazu äußern, ob ihr in all den Jahren etwas Verdächtiges aufgefallen sei. Eine Sprecherin teilte mit, die Bank arbeite „in Verdachtsfällen mit Ermittlungsbehörden vollumfänglich zusammen“.
Vielleicht konnten die Finanzfahnder deshalb verfolgen, wohin die Anlegergelder vom Volksbank-Konto verschoben wurden. Das Geld rotierte zum Teil durch hochkomplexe Finanzkonstruktionen, durch Fonds, Darlehen, Compartments, Credit Linked Notes und durch Firmen mit obskuren Namen wie Finbox Consulting AG oder Salbapi SL, die Fahnder dem Einfluss von Thomas E. zurechnen.

Handel mit Dax-Futures


Nur eines scheinen die Beamten nicht gefunden zu haben: Den lukrativen Handel mit Dax-Futures, mit dem Picam seine Anleger köderte.
Während die Gelder weitergereicht wurden, sollen Manager und Treuhänder fleißig Dienstleistungen in Rechnung gestellt haben. Ein Berliner Wirtschaftsprüfer und ehrenamtlicher Richter, der das Volksbank-Konto verwaltete, soll 2,8 Millionen Euro auf sein Geschäftskonto kassiert haben. Ein hochrangiger Vertriebsmann soll angeblich Provisionen in gleicher Höhe abgerechnet haben. Nicht nachvollziehbar ist bislang, wie viel Anlegergeld bei einem Banker landete, der einige der komplexen Finanzprodukte konzipiert und betreut haben soll. Im März empfahlen Fahnder der Staatsanwaltschaft, bei dem Banker und seinen Gesellschaften 53 Millionen Euro einzufrieren.

„Einzelne haben sich bereichert“, sagt einer der Beschuldigten dem Handelsblatt. Seinen Namen möchte er wegen der laufenden Ermittlungen nicht gedruckt sehen. Er wehrt sich jedoch gegen den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, die Picam-Akteure hätten als Bande zusammengearbeitet. „Thomas E. hat die Leute mit Geld angelockt und ein System der Abhängigkeiten erzeugt“, behauptet er. „Die einzelnen Beteiligten konnten jedoch immer nur einen kleinen Teil des Ganzen erkennen.“
Tatsächlich tauchte Thomas E. im Picam-Reich an allen Ecken und Enden auf. Als Kommunikator, Ansprechpartner und Erklärer. Immer eloquent, immer direkt. In einem Rundschreiben an die Vertriebler kanzelte er 2016 einen kritischen Pressebericht ab. Er sei „bitter enttäuscht“ vom Qualitätsmanagement der Zeitung. Da seien „Äpfel mit Birnen“ verglichen worden.
Es war auch Thomas E., der nach einem Warnhinweis der schweizerischen Finanzaufsicht Finma ein neues Wertpapier namens Piccox als Ersatzprodukt eilig vorantrieb, und der den Anlegern wahrheitswidrig mitteilte, das neue Zertifikat sei täglich liquide. Offenbar hatte der Vertriebschef große Pläne, überlegte zwischenzeitlich sogar, eine Banklizenz zu erwerben. Das alles legen interne E-Mails und Dokumente nahe, die dem Handelsblatt vorliegen.
Knapp 25 Millionen Euro der Anleger sollen schließlich vom Volksbank-Konto in einer Gesellschaft namens Propec gelandet sein, deren geschäftsführender Mehrheitsgesellschafter Thomas E. ist – auch das haben die Finanzermittlungen ergeben.
Die Staatsanwaltschaft sieht keine Fluchtgefahr
Trotz aller Vorwürfe ist der Picam-Vertriebschef weiter auf freiem Fuß. Das verunsichert viele Anleger. „Je länger sich die Ermittlungen hinziehen, desto mehr Möglichkeiten haben die Leute, die das verursacht haben, ihr Hab und Gut zu sichern“, befürchtet etwa Guy Chapmann. Der 63 Jahre alte Franzose bangt in Karlsruhe um 220.000 EuroDie Fahnder vermuten, dass Thomas E. über gute Kontakte nach Liechtenstein, Luxemburg, Spanien und in die Schweiz verfüge. Eine Flucht- oder Verdunklungsgefahr sieht die Staatsanwaltschaft offenbar jedoch nicht. Die Behörde bestätigte, dass sie bislang keinen der Beschuldigten festgenommen hat. Für die Ermittler hat das den Vorteil, dass der Zeitdruck nicht so groß wird, als wenn regelmäßig Haftprüfungstermine anstehen.
Die Strafverfolger haben im Februar 87 Millionen Euro gesichert – allerdings in Form von Fonds. Deren Werthaltigkeit muss sich noch beweisen, sagt der Beschuldigte. Er macht den Anlegern wenig Hoffnung: „Das Geld ist über die Jahre zerronnen.“
   

 

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